Caractacus Potts (Dick van
Dyke), alleinerziehender Familienvater und Erfinder, tüftelt täglich in seiner
Werkstatt herum, in der Hoffnung endlich mit einer seiner kuriosen Erfindungen
Geld zu verdienen. So richtig an den Erfolg seiner Wundermaschinen glauben
jedoch nur seine Kinder Jemima und Jeremy. Ihnen zuliebe rettet er ein Rennautowrack
vom Schrottplatz und baut es kurzerhand zu einem Wunderauto um, das auch
schwimmen und fliegen kann. Er benennt es liebevoll nach seinem merkwürdigen Motorengeräusch Chitty Chitty Bang Bang. Während eines gemeinsamen Picknicks am
Strand mit seinen Kindern und der liebenswerten Industriellentochter Truly
Scrumptious (Sally Ann Howes), die ein Auge auf den Erfinder geworfen hat, werden
sie von Baron Bomburst (Gert Fröbe), Tyrann von Vulgaria, beobachtet. Von
seinem Schlachtschiff aus nimmt er das Wunderauto mit seinem Fernrohr ins
Visier und will es um jeden Preis besitzen. Deshalb setzt er seine besten
Spione auf die Fahrgemeinschaft an, die jedoch fälschlicherweise Großvater
Potts für den Erfinder des fliegenden Autos halten, ihn kidnappen und nach
Vulgaria entführen. Caractacus und seine Mitfahrer begeben sich auf eine
gefährliche Rettungsmission in die Stadt, in der Kinder gehasst und vom Kinderfänger gejagt werden.
WEIRD | Die zwei von Bomburst geschickten in Lüftungsschächten getarnten Spione erinnern an Tin Tins Detektive Schulze und Schultze und benehmen sich wie Gauner aus einem Looney-Tunes-Cartoon.
Am Geburtstag des Barons
wartet die kokette Gattin (Anna Quayle) im Schlafzimmer und stimmt ein freches
Lied an. Bekleidet mit Korsett und einer Art Fetisch-Strapse schüttelt sie ihre
blonden langen Zöpfe und räkelt sich auf dem Tisch. Die Baronin besingt ihren
Baron dabei mit den vor Zuckerguss triefenden Kosenamen Teddy Bear und Little Chu-Chi Face. Singend spielen sie ein
Spiel, das dem erwachsenen Zuschauer nicht ganz jugendfrei erscheint, sondern eher
an BDSM erinnert. Bomburst würgt seine Lack-und-Leder-Baronin mit ihren eigenen Zöpfen, versucht sie zu schlagen, traktiert sie
mit Speerspitzen, lässt sie durch eine Falltür stürzen, in der Hoffnung, dass sie bei diesem gesungenen Liebesspiel Hops geht.
WONDERFUL | Großvater Potts wird kurzerhand samt seiner Holzhütte – die nicht größer ist als eine Telefonzelle und deren Sinn und Zweck sich dem Zuschauer nicht erschließt – entführt. Die Spione hängen das Hüttchen mit einem Enterhaken an Baron Bombursts Zeppelin, der den vermeintlichen Erfinder nach Vulgaria verschleppt. Hoch oben in den Lüften öffnet der Großvater die Hüttentür und durchbricht die vierte Wand des Kinoraums, indem er ein Liedchen für den Zuschauer trällert.
WONDERFUL Intertextual:
CHITTY CHITTY BANG BANG und James Bond | Der Film fühlt sicht trotz
der nach Disney klingenden Musikalität wie eine familienfreundliche
Fantasy-Version eines James-Bond-Films an – Flugautos, kauzige Erfinder und
unheimliche Spione. Und das ist kein Zufall. Roald Dahl schrieb das
Drehbuch frei nach der gleichnamigen Romanvorlage aus der Feder von
James-Bond-Schöpfer Ian Fleming. Dahl hatte zuvor das Drehbuch zum
James-Bond-Film YOU ONLY LIVE TWICE (1967) geschrieben. Produziert wurde CHITTY
CHITTY BANG BANG von
James-Bond-Produzent Albert R. Broccoli. Der Schrotthändler, der Caractacus
Potts das Autowrack verkauft, wird gespielt von „Q“-Darsteller Desmond
Llewelyn. Caractacus wiederum erinnert mit seinen Gadgets an diesen Erfinder.
Potts Gegenspieler Baron Bomburst wird verkörpert von Gert Fröbe, der zuvor als
Bond-Bösewicht Auric Goldfinger weltberühmt wurde. Baronin Bomburst wird
gespielt von Anna Quayle, die ein Jahr zuvor in der James-Bond-Parodie CASINO
ROYALE (1967) zu sehen war, deren Berlin-Szenen auch Regisseur Ken Hughes drehte.
Der Name Truly Scrumptious (= wirklich zum Anbeißen) ist eine Kreation Roald
Dahls in Anlehnung an die verspielten Namen weiblicher Charaktere aus dem
James-Bond-Universum wie Pussy Galore, Honey Rider oder Kissy Suzuki.
James-Bond-Fans kennen Flemings Vorliebe für fliegende Autos aus THE MAN WITH THE GOLDEN GUN (1974). Hier heben Scaramanga (Christopher Lee) und sein kleiner Handlanger Nick Nack in einem solchen ab.
WEIRD Trivia | Der Erzählstrang über den
Aufenthalt in Vulgaria existiert nicht in Flemings Kinderbuch, sondern ist eine
Erfindung von Roald Dahl. Ähnlich düster wie Schokoladenfabrikant Willy Wonka
aus seinem vier Jahre zuvor veröffentlichten Roman Charlie and the Chocolate Factory (1964) ist die Figur des
Kinderfängers (Robert Helpmann) in Vulgaria, der die Kinder mit Süßigkeiten in
seinen Käfig lockt. In Vulgaria herrschen die Gesetze der Märchenwelt: Die
Baronin hasst Kinder, für sie gehören sie aus dem Stadtbild entfernt. Als die
Potts-Kinder dort ankommen, werden sie wie Hänsel und Gretel von dem gruseligen
Kinderfänger in schwarzem Umhang mit Süßigkeiten gelockt und in einem fahrenden
Käfig eingesperrt.
Übrigens, fun fact: Die düstere Figur des Kinderfängers diente Marilyn Manson als Vorlage für sein Plattencover zur Single Sweet Dreams von 1995, auf dem er in der Verkleidung des Kinderschrecks posiert. Für das Artwork wurde außerdem die bekannte „Willy Wonka“-Schriftart verwendet.














































