Freitag, 20. Februar 2015

DEEP END | Jerzy Skolimowski | UK/BRD 1970



Der lange Zeit als verschollen geglaubte Pionierfilm der Arthouse-Erotik erzählt von den ersten Arbeits- und Liebeserfahrungen des 15-jährigen Mike (John Moulder-Brown). In einer heruntergekommenen Badeanstalt ist er für den Service und die Reinigung der Waschparzellen im Männertrakt verantwortlich. Doch jedes Mal, wenn seine bezaubernde Kollegin Susan (Jane Asher) ihre Arbeit für ein Schäferstündchen mit dem Schwimmlehrer unterbricht, muss Mike sie im Frauentrakt vertreten. Dort sind vor allem die reiferen Damen ganz scharf auf den Jüngling und belohnen seinen Service mit großzügigem Trinkgeld. Doch mit den Annäherungsversuchen der weiblichen Badegäste kann er nicht viel anfangen. Mike hat nur Augen für Susan, für deren ungeordnetes Sexualleben er kein Verständnis hat. Obwohl sie verlobt ist, vögelt sie mit dem Schwimmlehrer und macht zugleich auch ihm eindeutige Avancen. Der Liebestrunkene entwickelt eine Besessenheit, die ihn nicht erkennen lässt, dass Susan nur mit ihm spielt.



Weirdest moment
Die Vorlieben einer von Mikes reifen Kundinnen sind besonders speziell. Nach ihrem Bad lockt sie den Jungen mit einem vorgetäuschten Schwächeanfall in ihren Waschraum. Vom heißen Wasser offensichtlich sehr erregt, bittet die beleibte Blondine den zarten Jungen zu sich und fragt ihn nach seinen Football-Fähigkeiten aus, während sie ihn körperlich bedrängt. Mike versucht, der liebestollen Frau zu entkommen, doch sie drückt sein Gesicht in ihren üppigen Busen und lässt ihn nicht mehr los. Dribbeln, Schießen, Tacklen: Ekstatisch haucht sie die Spielzüge in Mikes Ohr, während sie sich schmerzhaft in seinen Haaren festkrallt und sie ihm fast ausreißt. Erst nachdem die sexuelle Sportkommentatorin den Football verbal ins Tor befördert hat, lässt ihre Erregung nach und Mike darf gehen.




Most wonderful moment
Während eines Streifzugs durchs Rotlichtviertel entdeckt Mike vor einem zwielichtigen Etablissement einen lebensgroßen Pappaufsteller, auf dem er die nackte Susan erkennt. Er klaut die Werbefigur und konfrontiert Susan damit. Doch seine Angebetete kann Mikes Aufregung über das Foto nicht verstehen und will ihn beruhigen. Abkühlung verschafft sich Mike aber auf seine Weise. Er lässt den Aufsteller auf der Wasseroberfläche des Schwimmbeckens treiben und springt splitternackt vom Turm, so dass er auf dem Brett landet. Mit der Attrappe von Susan unter sich gleitet er im wörtlichen Sinne in einen feuchten Traum. In seiner Phantasie wird das Brett unter ihm lebendig und für einen kurzen Moment genießt er es, Susans nackten Körper unter Wasser zu spüren.


© DVD-Screenshots: Koch Media


WEIRD
  • ein Schwimmlehrer mit Hang zu Minderjährigen
  • liebestolle Badegäste mit Football-Fetisch
  • eine Prostituierte, die trotz Gipsbein ihrem Gewerbe nachgeht
  • eine Kinovorstellung des absurden schwarz-weißen Aufklärungsstreifens DR. LOTTE FIEDLERS SCIENCE OF SEX PART 2 (bei dem nicht ganz klar ist, ob der Film tatsächlich existiert oder die Szenen für DEEP END gedreht wurden)

WONDERFUL
  • der Soundtrack von Cat Stevens
  • ein verlorener Diamant im Schnee und die kreativste Methode, ihn wiederzufinden
  • ein romantisches Picknick auf einem Sprungbrett und eine erotische Liebesszene zwischen Traum und Wirklichkeit im trockengelegten Schwimmbecken
  • surreale Unterwasseraufnahmen

Montag, 16. Februar 2015

LES PARAPLUIES DE CHERBOURG | Die Regenschirme von Cherbourg | Jacques Demy | Frankreich/BRD 1964



Die 16-jährige Regenschirmverkäuferin Geneviève (Catherine Deneuve) und der junge Automechaniker Guy (Nino Castelnuovo) sind schwer verliebt, aber Genevièves Mutter (Anne Vernon) ist gegen eine frühe Heirat. Als Guy für zwei Jahre zum Militärdienst einberufen wird, verbringen die Turteltäubchen eine Liebesnacht zusammen, bei der Geneviève schwanger wird. Enttäuscht darüber, dass Guy ihr scheinbar nicht schreibt, lässt sie sich von der Mutter zur Hochzeit mit dem reichen Juwelierhändler Roland Cassard (Marc Michel) überreden, der um sie wirbt und sie auch mit dem Kind akzeptiert. Als Guy schließlich aus dem Kriegsdienst zurückkehrt, ist seine Jugendliebe aus Cherbourg fortgegangen. Zunächst ist er niedergeschlagen, findet aber bald Trost bei Madeleine (Ellen Farner), der liebenswürdigen Pflegerin seiner Tante.


Der Film hat keine einzelnen Momente, die besonders herausstechen, sondern ist eher ein weird and wonderful Gesamtkunstwerk. Daher haben wir hier ganz simpel zwei Besonderheiten des Films herausgepickt und Bildern garniert.

Weird
Jede einzelne Zeile in diesem Film wird im Rezitativ vorgetragen. Von „Hallo“ bis zu „Der Motor rasselt noch etwas“ findet der gesamte Dialog in einem Sprechgesang und mit Musik untermalt statt. Die von Musikmeister Michel Legrand komponierten Stücke gehen nahtlos ineinander über und passen sich jeweils mit zackigen Swingrhythmen oder melodisch-schmalzigen Liebeshymnen der jeweiligen Situation an. Stille gibt es nicht. Absurd wird das Ganze, wenn völlig banale Alltagsfloskeln in vollkommener Ernsthaftigkeit vorgeträllert werden. Wenn z.B. die Mechanikerjungs sich im Bad von ihren Feierabendplänen erzählen, driftet das Musical mit seinem Gesinge so ins Alberne, dass das zuckrig-kitschige des Liebesthemas in Musikform herrlich konterkariert wird. Zumal es auch die eindringliche (selbstredend ebenfalls gesungen vorgetragene) Bemerkung darüber gibt, dass das Kino besser als die Oper sei – eine wunderbar ironische Selbstreflexion in einem Musicalfilm mit ausschließlich gesungenen Dialogen.


Wonderful
Die gesamte Ausstattung des Films – Regenschirme, Fahrräder, Putzkittel – ist quietschbunt wie ein Knallbonbon und in jeder Szene bis ins Detail durchgestylt. Jedes Kostüm und Haarband ist mindestens mit einer Tapete oder einem Türrahmen farblich penibel aufeinander abgestimmt, was visuell einzigartig wirkt. Um die Farbenpracht so auf die Spitze zu treiben, wurden sogar Teile des Schauplatzes neu angestrichen. Form siegt über Inhalt, wenn Demy die alltäglichsten Szenen in seinen Farbeimer taucht und Einstellung für Einstellung durchkomponiert: Etwa wenn Geneviève ein Blumenbouquet bindet, Regenschirme putzt oder wenn Guy Madeleine bei einem Kaffee Liebesschwüre zuhaucht.












(c) DVD-Screenshots: Arthaus





Beitragende