Samstag, 22. August 2015

SIGHTSEERS | Ben Wheatley | Großbritannien 2012





Tina (Alice Lowe) lebt mit 34 noch bei ihrer Mutter Carol (Eileen Davies), die gerne Krankheiten vortäuscht um ihre Tochter an sich zu binden. Das Verhältnis der beiden ist dadurch angespannt, dass Mama ihre Tochter für die Mörderin ihres Hundes Poppy hält. Es war ein Unfall, aber das will die alte Frau in ihrem Altersstarrsinn nicht hören. Es wird Zeit, dass Tina aus ihrem Mauerblümchendasein und der mütterlichen Obhut entflieht. Da gibt es Chris (Steve Oram), ihren neuen Freund. Sie kennen sich zwar erst seit Kurzem, aber sie liebt ihn und er liebt sie, also alles gut. Bei einem Camping Urlaub will er ihr sein Yorkshire zeigen. Die Etappen ihrer Tour beinhalten u.a. so spannende Touristenattraktionen wie das Straßenbahn- und das Bleistiftmuseum. Aber alles besser als bei Mutti hocken, die dem ginger-bärtigen Freund ihrer Tochter nicht über den Weg traut. 
Direkt am ersten Reisetag gerät Chris mit einem anderen Touristen aneinander, als dieser das Papier seines Cornetto-Eis achtlos auf den Boden wirft. Als Chris ihn später durch den Rückspiegel dabei beobachtet, wie er ein weiteres Mal seinen Müll auf die Straße wirft, platzt ihm der Kragen. Er gibt Gas, legt den Rückwärtsgang ein und fährt den Umweltsünder mit Genugtuung über den Haufen. Die erschrockene Tina glaubt an einen Unfall. Es wird nicht der letzte auf ihrer Reise sein, denn Chris ist ein triebhafter Serienmörder, der seiner Kreativität Ausdruck verleihen möchte. Nach anfänglichem Entsetzen möchte sich Tina von derlei Zwischenfällen nicht ihren Urlaub kaputt machen lassen und betrachtet die Taten ihres Freundes bald mit verständnisvoller Faszination...

Wonderful photography
Ben Wheatley zelebriert in seinem Film tiefschwarzen britischen Humor mit deftigen Splatter-Effekten, die die Sehgewohnheiten zimperlicher Zuschauer überstrapazieren könnten. Bereits die Blutfontänen des überfahrenen Touristen sind nicht ohne. Einem einheimischen Wanderer wird Chris später den Schädel so gewalttätig einschlagen, dass selbst in der blutigen Nahaufnahme kein Gesicht mehr zu erkennen ist. Doch bei aller Drastik beweist der Film großen Sinn für Ästhetik in seinen Bildkompositionen und Kameraeinstellungen, besonders in den atemberaubenden Landschaftsaufnahmen. So stellt er die Kamera mehrfach auf den Boden und filmt mit einem Makro-Filter durchs Gras und rückt die vorbeischlendernden Hauptdarsteller dabei in die Unschärfe. Durch diese Mischung aus Gewaltästhetik und Aufnahmen unberührter Natur schafft es Wheatley trotz des hässlichen Campingplatz-Settings und der unfotogenen Funktionskleidung der Hauptdarsteller, visuell ansprechende Bilder zu produzieren. 



Weirdest moment
Eine Rückblende entlastet Tina und zeigt den Unfalltod des Hundes Poppy. Tina strickt, es klingelt an der Tür, Tina öffnet, der Hund nervt, Tina wirft seinen Gummiball ins Wohnzimmer, um ihn loszuwerden, er springt hinterher und landet unglücklich in Tinas aufrecht stehenden Stricknadeln, die seinen Körper durchbohren.

Weird things
Um das Liebesleben auf der Campingtour so richtig anzuheizen, hat Tina sich etwas ganz besonderes gestrickt: Einen pinken Wollschlüpper mit einer Aussparung zum schnellen und problemlosen Eindringen.


Im Pencil Museum (das es tatsächlich gibt) kauft Tina am Merchandise-Stand einen überdimensionalen Bleistift für 24 Pfund. Sie setzt sich damit ins Cafe und schreibt einen Brief an Chris, den sie trotz seiner mörderischen Vorlieben nicht verlieren will.


Most wonderful moment
Chris begeht seinen zweiten Mord an einem anderen Camper, der ihm ebenfalls nichts getan hat, aber mit seiner großkotzigen Art einfach auf den Sack geht. Auf einem Hügel erschlägt Chris ihn mit einem Stein. Das Editing lässt den Mord zu einem visuellen Genuss werden. In einem Mashcut wird die Tötung des Mannes mit der im Campingwagen wartenden Tina zusammengeschnitten, so überlagert z.B. ein am Pfannenrand aufgeschlagenes Ei den Schlag mit dem Stein gegen den Schädel des Touristen.

Facts
Die beiden Hauptdarsteller sind zugleich die Drehbuchautoren und haben sich die Figuren förmlich auf den Leib geschrieben. 

DVD-Screenshots: © Studiocanal 




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