Montag, 1. Juni 2015

CHITTY CHITTY BANG BANG | Tschitti Tschitti Bäng Bäng | Ken Hughes | UK 1968


Caractacus Potts (Dick van Dyke), alleinerziehender Familienvater und Erfinder, tüftelt täglich in seiner Werkstatt herum, in der Hoffnung endlich mit einer seiner kuriosen Erfindungen Geld zu verdienen. So richtig an den Erfolg seiner Wundermaschinen glauben jedoch nur seine Kinder Jemima und Jeremy. Ihnen zuliebe rettet er ein Rennautowrack vom Schrottplatz und baut es kurzerhand zu einem Wunderauto um, das auch schwimmen und fliegen kann. Er benennt es liebevoll nach seinem merkwürdigen Motorengeräusch Chitty Chitty Bang Bang. Während eines gemeinsamen Picknicks am Strand mit seinen Kindern und der liebenswerten Industriellentochter Truly Scrumptious (Sally Ann Howes), die ein Auge auf den Erfinder geworfen hat, werden sie von Baron Bomburst (Gert Fröbe), Tyrann von Vulgaria, beobachtet. Von seinem Schlachtschiff aus nimmt er das Wunderauto mit seinem Fernrohr ins Visier und will es um jeden Preis besitzen. Deshalb setzt er seine besten Spione auf die Fahrgemeinschaft an, die jedoch fälschlicherweise Großvater Potts für den Erfinder des fliegenden Autos halten, ihn kidnappen und nach Vulgaria entführen. Caractacus und seine Mitfahrer begeben sich auf eine gefährliche Rettungsmission in die Stadt, in der Kinder gehasst und vom Kinderfänger gejagt werden.





WEIRDDie zwei von Bomburst geschickten in Lüftungsschächten getarnten Spione erinnern an Tin Tins Detektive Schulze und Schultze und benehmen sich wie Gauner aus einem Looney-Tunes-Cartoon.



Am Geburtstag des Barons wartet die kokette Gattin (Anna Quayle) im Schlafzimmer und stimmt ein freches Lied an. Bekleidet mit Korsett und einer Art Fetisch-Strapse schüttelt sie ihre blonden langen Zöpfe und räkelt sich auf dem Tisch. Die Baronin besingt ihren Baron dabei mit den vor Zuckerguss triefenden Kosenamen Teddy Bear und Little Chu-Chi Face. Singend spielen sie ein Spiel, das dem erwachsenen Zuschauer nicht ganz jugendfrei erscheint, sondern eher an BDSM erinnert. Bomburst würgt seine Lack-und-Leder-Baronin mit ihren eigenen Zöpfen, versucht sie zu schlagen, traktiert sie mit Speerspitzen, lässt sie durch eine Falltür stürzen, in der Hoffnung, dass sie bei diesem gesungenen Liebesspiel Hops geht.



WONDERFUL Großvater Potts wird kurzerhand samt seiner Holzhütte – die nicht größer ist als eine Telefonzelle und deren Sinn und Zweck sich dem Zuschauer nicht erschließt – entführt. Die Spione hängen das Hüttchen mit einem Enterhaken an Baron Bombursts Zeppelin, der den vermeintlichen Erfinder nach Vulgaria verschleppt. Hoch oben in den Lüften öffnet der Großvater die Hüttentür und durchbricht die vierte Wand des Kinoraums, indem er ein Liedchen für den Zuschauer trällert.



WONDERFUL Intertextual: CHITTY CHITTY BANG BANG und James Bond Der Film fühlt sicht trotz der nach Disney klingenden Musikalität wie eine familienfreundliche Fantasy-Version eines James-Bond-Films an – Flugautos, kauzige Erfinder und unheimliche Spione. Und das ist kein Zufall. Roald Dahl schrieb das Drehbuch frei nach der gleichnamigen Romanvorlage aus der Feder von James-Bond-Schöpfer Ian Fleming. Dahl hatte zuvor das Drehbuch zum James-Bond-Film YOU ONLY LIVE TWICE (1967) geschrieben. Produziert wurde CHITTY CHITTY BANG BANG  von James-Bond-Produzent Albert R. Broccoli. Der Schrotthändler, der Caractacus Potts das Autowrack verkauft, wird gespielt von „Q“-Darsteller Desmond Llewelyn. Caractacus wiederum erinnert mit seinen Gadgets an diesen Erfinder. Potts Gegenspieler Baron Bomburst wird verkörpert von Gert Fröbe, der zuvor als Bond-Bösewicht Auric Goldfinger weltberühmt wurde. Baronin Bomburst wird gespielt von Anna Quayle, die ein Jahr zuvor in der James-Bond-Parodie CASINO ROYALE (1967) zu sehen war, deren Berlin-Szenen auch Regisseur Ken Hughes drehte. Der Name Truly Scrumptious (= wirklich zum Anbeißen) ist eine Kreation Roald Dahls in Anlehnung an die verspielten Namen weiblicher Charaktere aus dem James-Bond-Universum wie Pussy Galore, Honey Rider oder Kissy Suzuki.

James-Bond-Fans kennen Flemings Vorliebe für fliegende Autos aus THE MAN WITH THE GOLDEN GUN (1974). Hier heben Scaramanga (Christopher Lee) und sein kleiner Handlanger Nick Nack in einem solchen ab.



WEIRD Trivia Der Erzählstrang über den Aufenthalt in Vulgaria existiert nicht in Flemings Kinderbuch, sondern ist eine Erfindung von Roald Dahl. Ähnlich düster wie Schokoladenfabrikant Willy Wonka aus seinem vier Jahre zuvor veröffentlichten Roman Charlie and the Chocolate Factory (1964) ist die Figur des Kinderfängers (Robert Helpmann) in Vulgaria, der die Kinder mit Süßigkeiten in seinen Käfig lockt. In Vulgaria herrschen die Gesetze der Märchenwelt: Die Baronin hasst Kinder, für sie gehören sie aus dem Stadtbild entfernt. Als die Potts-Kinder dort ankommen, werden sie wie Hänsel und Gretel von dem gruseligen Kinderfänger in schwarzem Umhang mit Süßigkeiten gelockt und in einem fahrenden Käfig eingesperrt. 



Übrigens, fun fact: Die düstere Figur des Kinderfängers diente Marilyn Manson als Vorlage für sein Plattencover zur Single Sweet Dreams von 1995, auf dem er in der Verkleidung des Kinderschrecks posiert. Für das Artwork wurde außerdem die bekannte „Willy Wonka“-Schriftart verwendet.


DVD-Screenshots: © MGM







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