Montag, 10. November 2014

LE FANTÔME DE LA LIBERTÉ | Das Gespenst der Freiheit | Luis Buñuel | Frankreich/Italien 1974


Luis Buñuel bastelt aus vielen zusammenhanglosen Episoden eine surrealistische Collage, die aus alltäglichen Situationen die absurdesten Momente macht. Dabei wird von einer Episode die Hauptrolle wie ein Staffelstab von Protagonisten zu Nebenfiguren übergeben, die ihrerseits zu Hauptfiguren werden, wenn der Zuschauer am wenigsten damit rechnet. Man braucht eine Weile, bis man diese nahtlosen Schlagabtausche erkennt und merkt, dass sich hier rote Fäden finden, die sich immer wieder verlieren, und nur vorgeblich nach etabliert filmischen Regeln gespielt wird.

WEIRD 65% | WONDERFUL 35%



Weird moment #1
Die wohl bekannteste Szene des Films ist eine Groteske auf Tabuisierungen unserer Gesellschaft. Die Dame des Hauses geleitet ihre geladenen Dinnergäste zum Tisch, wo sie jedem seinen Platz zuweist. Die Tischgemeinschaft nimmt jedoch nicht auf Stühlen, sondern wie selbstverständlich mit blanken Hintern auf Toiletten Platz. Ihr Tischgespräch thematisiert die Masse der von Menschen weltweit ausgeschiedenen Exkremente. Als die kleine Tochter der Gastgeberin quengelt, dass sie Hunger habe, wird sie für diese Bemerkung gerügt, weil solch anstößige Themen nichts am Esstisch zu suchen hätten. Einer der Gäste macht es richtig. Als er Hunger verspürt, zieht er sich diskret in das Speisezimmer – ein enges, abschließbares Räumchen – zurück, in welchem er ungestört einer höchst intimen körperlichen Verrichtung nachgehen kann: dem Essen.






Weird moment #2
In einem Gasthaus lädt ein Liebespaar eine Gruppe frommer Mönche sowie weitere Gäste zu einer harmlosen Partie Karten auf sein Zimmer. Unbemerkt verschwinden die Liebenden nacheinander im Bad. Sie, um sich in ihre Lack-und-Leder-Kluft zu werfen und mit einer Peitsche auszurüsten, er, um eine Hose mit freigelegtem Hinterteil anzulegen. Völlig unvermittelt konfrontiert das Paar nun die ahnungslosen Zimmergäste mit ihren sexuellen Praktiken: Die Domina peitscht ihren Unterworfenen aus, der ihr dreckige Kommentare zuraunt. Empört verlassen die unfreiwilligen Zeugen das Zimmer, nicht jedoch ohne noch einen verstohlenen Blick auf die SM-Szenerie zu werfen.




Most wonderful moment
Das geschäftige Treiben auf den Gängen des Gasthauses inszeniert Buñuel als surrealistisches Theater. Die Gäste durchqueren die Gänge und öffnen Türen scheinbar nur, um sie hinter sich wieder zu schließen. Sobald jemand in einem Zimmer verschwindet, tritt jemand anderes aus einem anderen Zimmer heraus. Auftritt und Abtritt der Personen verschmelzen mit den schlagenden Türen zu einer absurden Choreografie ohne erzählerische Handlung.


  (c) DVD-Screenshots: Studiocanal


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